Wer lange schläft, dann die Zeitung von vorne bis hinten
durch liest,
die Wohnung noch etwas in Schuss bringt und dann noch packen muss,
kommt natürlich erst spät "in Fahrt". So beginnt meine Herbsttour eben
erst um halb Zwei Nachmittags. Es soll eine Tour de Suisse werden. Das
Wetter ist fantastisch, wenn auch ein wenig kühl.Ich
fahre Richtung Jura, über den Passwang
und den Scheltenpass nach Delémont und weiter auf den Col des
Rangiers.
Hier gibt's Kaffe und Mandelgipfel (wie immer, wenn ich hier halte).
Nach der kurzen Pause will ich direkt nach St. Ursanne runter fahren,
werde aber wegen einer Strassensperrung gezwungen, einen kleinen Umweg
zu machen. über Courgenay und den Col de la Croix komme ich
schliesslich doch noch nach St. Ursanne. Von dort geht's über
Epauvillers auf einer meiner Lieblingsstrecken im Jura nach Les Enfers
und Saignelégier. Ich habe die Nebenstrassen quasi für mich alleine,
was den Spass noch erhöht. Weiter geht's über liebliche Jurahöhen und
den Col du Mt.-Crosin nach St. Imier und dann hoch auf den Col du
Chasseral mit einem Abstecher auf den Gipfel.
Leider ist die Sicht über das Mittelland und Richtung Alpen durch
Hochnebel stark beeinträchtigt. Prachtswetter herscht anscheinend nur
im Jura. Trotzdem geniesse ich die Pause und den Kaffee bevor ich
runter nach Neuenburg fahre, wo ich gerade rechtzeitig eintreffe, um
den Feierabendverkehr "zu geniessen". Also nichts wie weiter bzw.
zurück in den Jura! Entsprechend der vorgerückten Stunde versuche ich,
eine Unterkunft zu finden, habe aber erst beim ersten Versuch Pech. In
diesem hübschen, kleinen Ort unterhalb der Vue-des-Alpes wird nur
Bargeld angenommen, wovon ich leider zu wenig dabei habe. Die nächste
Möglichkeit wäre auf der Vue-des-Alpes. Kommt aber aufgrund früherer
Erfahrungen fü mich nicht infrage. Also versuche ich mein Glück beim
Tete de Ran. Es hat zwar nur noch Massenlager, aber dort bin ich der
Einzige. Und ich kann mit der Bankkarte bezahlen! Nebst einigen
Touristen hat's vor allem Militär hier oben. Die belegen heutzutage
anscheinend die Zimmer! (Wie war das noch zu meiner Zeit?) Dafür fühle
ich mich doch gleich viel sicherer . . .
Ziemlich gut geschlafen. Um ca. 8 Uhr stehe ich auf.
Sonnenschein hier
oben, Nebel unten im Mittelland und Richtung Alpen.
Nach einem reichhaltigen Frühstück fahre ich zurück zur Vue-des-Alpes
und von dort via La Chaux de Fonds und Le Locle nach La Brévine. ¨Uber
die malerischen Höhen des Neuenburger Juras geht es ins Val de Travers
und über den Col des Etroits nach St. Croix. Wieder geht es runter von
den Jurahöhen. Ich lasse Yverdon links liegen und fahre über Orbe
wieder in den Jura und den Col de Mollendruz ins Vallée de Joux, dem
Lac du Joux entlang und dann hinauf zum Col du Morchairuz, wo eine
weitere Pause fällig ist.
Der Koch verlässt seine Küche, um mein Bike zu bestaunen. So eines
hatte er zuvor noch nie gesehen.
Viel mehr Jura bleibt nicht mehr, sodass ich mich von selbigem
verabschiede. Es geht runter Richtung Genfersee. Ich umfahre Lausanne
grossräumig und komme schliesslich nach einer schönen Fahrt durchs
Wadtland nach Bulle. Hier besorge ich Bargeld, was sich später als gute
Idee herausstellen wird. Vorerst geht's aber über den Jaunpass ins
Simmental, über Gstaad und Chateau-d'Oex rauf zum Col des Mosses, wo
einmal mehr eine Kaffeepause fällig ist. Les Mosses wirkt ziemlich leer
und öde ohne Wintertouristen. Also fahre ich runter und gleich wieder
hoch über den Col de la Croix, ein eher weniger bekannter Pass in den
Alpen. Auf dessen Südrampe folge ich einem Schild "Refuge" und lande
schliesslich auf einer Alp auf 1649 Meter über Meer. Ein Restaurant wie
in Urzeiten und "nur" Massenlager.
Der Zugang zum Massenlager führt über eine Holztreppe (oder eher
Leiter?), zum Waschen hat es fliessend kalt und Wasser. Licht gibt
meine Taschenlampe, bzw. in der Gaststube Gaslaternen.
In der Gaststube brennt ein Feuer im offenen Kamin, Bänke und Tische
sind mehr als massiv. "Rustikal" beschreibt das Ganze irgendiwe nur
teilweise. Ich geniesse dem Ort entsprechend eine Käseschnitte "Croute
Maison". Ach ja, und bezahlt wird natürlich in bar.
Die Nacht war kalt, aber es hatte genug Decken, sodass ich
mich warm
einpacken konnte. Als ich aufstehe ist ein sonniger Tag sicher. Zwar
ist die Sonne noch nicht über die östlichen Gipgel geklettert, aber der
Himmel ist wolkenlos. Also schnell frisch machen im "Bad" und ab zum
Frühstück. Das Feuer lodert schon wieder und die Gaststube ist schön
warm, sodass ich das reichhaltige Frühstück geniessen kann.
Mein Bike ist über Nacht weiss geworden. Also befreie ich es erst mal
vom Reif bevor ich meine Tasche festbinde und dann talwärts fahre. ¨Uber
Villars und Bex führt mich der Weg ins Wallis, dort auf der
schnurrgeraden Kantonsstrasse nach Sion. Und schon ruft wieder der
Berg. Auf einer meist sehr schmalen Strasse fahre ich hinauf zum
Sanetschpass.
Auf der anderen Seite soweit runter, wie man eben kann/darf. Die
Strasse endet an der nördliche Seite des Stausees. Alles sehr hochalpin
hier und deutlich über 2000m. Eine Pracht!
Bevor ich den Weg zurück nach Sion in Angriff nehme, gönne ich mir noch
eine Erfrischung im urchigen Restaurant. Was auf der Alp von letzter
Nacht so echt war, wirkt hier eher wie Staffage. Nichts desto trotz
kann ich Sanetsch empfehlen. Ist übrigens von der Berner Seite mit
einer kleinen Seilbahn ebenfalls erreichbar.
Von Sion aus ist ein weiterer Abstecher angesagt. Zuerst fahre ich
hinauf ins hochgelegene St. Martin, (tolle Strecke!), von dort runter
ins Val dHorans, um von dort in ein Seitental und zur Grande Dixence zu
kommen.
Ein imposantes Bauwerk und die höchste Staumauer in Europa. Die
Gesammtanlage liefert Strom für ca. 1/7 der Schweiz. Auch für technisch
nicht Interessierte ist zumindest der Weg dorthin und zurück den
Abstecher wert.
Zurück in Sion begebe ich mich auf die Autobahn um möglichst schnell
ins Oberwallis zu kommen. Ab Brig geht's dann wieder Biker-freundlicher
zu her auf dem Weg durchs Goms Richtung Gotthardmassiv. Es wird Zeit,
dass ich nach einer Unterkunft Ausschau halte. In Lax werde ich fündig
und bleibe hier über Nacht.
Ein weiterer wunderschöner Morgen. Klarer Himmel mit einigen
Nebelfetzen den Bergen entlang. Da kann mich nach dem Frühstück nichts
mehr halten. Erstes Ziel ist der Nufenenpass. Eine himmlische Fahrt,
denn ich scheine fast als Einziger so früh hier hoch zu fahren. Dies
bewahrheitet sich auf der Passhöhe insofern,
als dass auf dem Parkplatz nur zwei Autos stehen (des Personals?). Ich
bleibe nicht all zu lange, da zwar die Sonne scheint, die Aussicht aber
wegen der erwähnten Nebelfetzen stark beeintr�chtigt ist. Von den
Berner Alpen ist überhaupt nichts zu sehen. Also geht es weiter nach
Airolo und von dort die alte, gepflasterte Passstrasse zum Gotthard
hinauf. Auch hier eitel Sonnenschein, der Lage wegen aber keine grosse
Aussicht.
Dafür hat es deutlich mehr Leute hier. Autofahrer haben schon Mühe,
Parkplatz zu finden. Die Schweizer sind halt geschichtsbewusst. . .
Schon bald nehme ich wieder Fahrt auf. Hinunter nach Andermatt, von wo
aus der Oberalppass dran glauben muss. Eine herrliche Bergstrecke mit
noch nicht all zu viel Verkehr.
Auf der Passhöhe gönne ich mir eine Erfrischung, was zu essen und was
zu rauchen. Danach folgt eine zügige Fahrt runter nach Disentis. Dort
scharf rechts abgebogen und auf zum Lukmanier. Auf der Oberalpstrasse
hatte der Verkehr während meiner Pause zugenommen, aber hier ist
diesbezüglich nicht viel los. Was mir natürlich rechts ist. So komme
ich in flotter Fahrt zügig auf den nur fast 2000m hohen Lukmanier. Ja,
ja, der Lukmanier ist einer der "Kleinen". Aber sehr empfehlenswert.
Nach einer heissen Schokolade und einer netten Plauderei mit einem
Gleichgesinnten, der in die Gegenrichtung unterwegs ist, folgt die
lange Talfahrt nach Biasca. Die muss ich einmal kurz unterbrechen, weil
ein "Volkslauf" die Passstrasse kreuzt. Von Biasca aus fahre ich bei
starkem Gegenwind gemütlich nach Bellinzona, von wo aus ich den San
Bernardino unter die Räder nehme. Dank der parallel geführten Autobahn
gehört die alte, aber bestens ausgebaute Passstrasse quasi mir. Es ist
eine relativ lange Fahrt bis zur Passhöhe, aber sie macht unheimlich
Spass. Nur die letzten Meter nicht mehr so sehr, da die Passhöhe im
Nebel liegt. Und das Hospiz ist geschlossen!
Ich verweile trotzdem ein wenig dort, bevor ich weiter fahre. Auf dem
Weg nach Thusis mache ich einen kurzen Halt in der Via Mala. Immer
wieder ein Naturschauspiel sondergleichen.
Man fühlt sich gleich so klein und schwach beim Anblick dieser Macht
und Pracht.
Von Thusis zieht es mich Richtung Engadin und gleichzeitig
sollte ich
mich um ein Nachtlager kümmern. In Sur, an der Julierstrasse, werde ich
fündig. Zum z'Nacht gibts es Gämsbraten. Dank der Bündner Hochjagd.
Einmal mehr muss ich Reif vom Sattel wischen. Es ist noch
immer
ziemlich kalt, als ich losfahre. Dank der Griffheizung kann ich aber
weiterhin in Sommerhandschuhen fahren. Trotz Sonntag hat es noch nicht
viel Verkehr, sodass ich schon bald auf der Passhöhe des Juliers
ankomme.
Schönstes Sonnenwetter hier oben. Die Sonne hatte das Tal moch nicht
erreicht, sodass es sich hier oben wärmer anfühlt als dort unten. Ich
mache einen ersten Kaffeehalt, während dessen sich der Parkplatz
langsam mit Motorrädern zu füllen beginnt. Schon bald liefert er einen
Querschnitt durch das, was die Industrie so anzubieten hat. Es herscht
ein reges Kommen und Gehen. Irgendwann gehe auch ich und bin schon bald
in Silvaplana, da die Engadiner Seite der Pässe deutlich kürzer ist. Im
Engadin fahre ich talabwärts bis La Punt und von dort die Albula
hinauf. Auch hier hat es nun viele Biker unterwegs, aber zum Glück
nicht sehr viele Autos. (Schlafen die Autofahrer länger?) Kurz vor der
Passhöhe werde ich fast von der Strasse gefegt. Ein Mercedesfahrer
setzt zum überholen an und bemerkt nicht, dass ich schon auf seiner
Höhe bin. Zum Glück bemerke ich ihn bzw. seine Aktion rechtzeitig und
kann noch bremsen, bevor er mich erwischt.
Auch auf dieser Passhöhe setze ich mich in die wärmende Sonne. Was für
ein herrlicher Tag!
Zügig geht's dann weiter Richtung Tiefencastel und kurz davor rechts
Richtung Davos. Von hier über die Flüela zurück ins Engadin.
Allerdings wiederum mit einem Halt auf der Passhöhe. Zum Kaffe, oder
war's eine Cola?, gibt's noch Bündner Nusstorte. Mmmmh.
Auf der Fahrt hinunter schon wieder eine kritische Situation. In einer
Linkskurve kommt mir ein grosses Motorrad auf "meiner" Seite entgegen.
Ein kleiner Schwenker nach rechts beider Fahrer verhindert Schlimmeres.
Die vom Anderen überholten Autofahrer werden sich ihren Teil dazu
gedacht habe. . . Ich auch.
Von Susch, am Fusse der Flüela, folgt dann eine eher ruhige, um nicht
zu sagen langweilige, Fahrt das Engadin hinauf bis nach Silvaplana. Es
folgt der schon am Morgen befahrene Julier, diesmal aber in
Gegenrichtung.
Der Verkehr hat deutlich zugenommen. Es ist später Nachmittag und alles
scheint nach Norden fahren zu wollen. Ich versuche ab Tiefencastel mein
Glück über die Lenzerheide. Das geht gut bis Churwalden. Von da an
stehende Kollonne so weit das Auge reicht. Das will ich mir nicht
antun, auch wenn ich ja daran vorbei fahren könnte wie viele andere
Motorradfahrer auch. Also kehre ich um, fahre aber nur bis Parpan, wo
ich im altehrwürdigen Hotel "Jörg Jenatsch" eine Unterkunft
finde. Morgen wird die Kollonne wohl verschunden sein.
Ja, die Kollonne ist weg. Und so bin ich. Mein Weg führt mich
aus dem
Bündnerland, dem Walensee entlang nach Siebnen nahe dem Zürichsee. Von
dort folgt der erste Pass des Tages, die Sattelegg. Nicht sehr hoch,
nicht sehr lang, aber schön zu fahren. Leider hat die Gaststätte oben
Ruhetag, sodass ich Kaffe-los weiter fahre. Es geht über den Sattel
Richtung Schwyz. Mit einem grandiosen Blick auf die Alpen während
beinah der ganzen Fahrt. Das steigert die Vorfreude auf das, was noch
kommen wird. Ab Schwyz ist dies zuerst der Pragelpass. Er kann nur
Werktags bzw. Mo. - Fr. befahren werden. Entsprechend fehlen die
Sonntagsausflügler, was mich sicher nicht stört. Die Strasse ist schmal
und wird auch für Viehtrieb genutzt. Dies zeigt sich erstens an der
Verschmutzung und zweitens dann, wenn man dem Vieh ausweichen muss.
Zwei Viehtriebe lassen mich die Fahrt unterbrechen. Einmal Kühe, einmal
Ziegen. Es geht fast zu und her wie bei Heidi. . . Auf der Passhöhe
geniesse ich einerseits die Umgebung und
andererseits Kaffee und Nussstengel. Noch immer zeigt sich das Wetter
von seiner besten Seite. Auch als ich durchs Klöntal nach Glarus
hinunter fahre. Von dort geht's auf zum Klausenpass. Ein Höhepunkt
jeder Sonntagstour. Oder eben auch Montags. Und Montags hat's eindeutig
weniger Betrieb.
Auch im Baizli auf der Passhöhe, wo ich mich erfrische und etwas
ausruhe. Denn noch ist der Tag lang und der Pässe einige. Nach meiner
Fahrt hinunter nach Altdorf zieht es mich Richtung Gotthard das
Urnerland hinauf. Fast unbehelligt komme ich durch die
Schöllenenschlucht (nur ein Auto "im Wege") nach Andermatt. Von hier
geht's allerdings nicht auf den Gotthard sondern auf die Furka.
Da es schon gegen fünf Uhr Nachmittags ist, bin ich fast alleine auf
der Passhöhe. Die Aussicht gen Osten wie Westen ist fantastisch.
¨Uber dem Berner Oberland ist allerdings mehr Nebel zu sehen, als ich
mir wünsche. Trotzdem fahre ich weiter in jene Richtung: Furka runter,
Grimsel rauf. Hier sieht es dann aber besser aus, als
befürchtet.
Die Berge zeigen sich noch einmal von ihrer schönsten Seite. Nur noch
wenige andere geniessen dies zu so "später Stunde", denn es ist schon
halb Sechs Abends. Nach einer Kaffeepause zieht es mich weiter ins
Oberland. Was nun?. ¨Ubernachtungsort suchen oder noch einen dranhägen?
Die Vorhersage für den nächsten Tag ist nicht überwätigend. Bis jetzt
ging alles ohne Regen und so will ich es belassen. Also noch einen
dranhängen und dann ab nach Hause. Dieser eine ist der Susten. So wenig
Verkehr hier habe ich noch nie erlebt. So rasant bin ich noch nie zuvor
diesen Pass hochgefahren. Mann, macht das Spass. Und bis fast ganz oben
beste Verhältnisse. Nur auf den letzten paar hundert Metern ist Schluss
mit lustig. Nebel bremst mich kurz vor der Passhöhe ab. Das Restaurant
auf der Passhöhe hat entweder Ruhetag oder schon geschlossen. Ich
verkneiffe mir den Passhöe-Schnappschuss. Wäre ja das Selbe geworden
wie auf dem San Bernardino. Also ab durch den Scheiteltunnel und auf
der anderen Seite wieder runter. Schon nach wenigen Metern habe ich
wieder freie Sicht. Und weiterhin freie Bahn. Nur einige wenige
Motorräder kommen mir auf der schnellen Fahrt Richtung Wassen entgegen.
Eine fantastische Fahrt als Abschied von den Alpen.
In Wassen kurz aufgetankt und ab auf die Autobahn. Immer am erlaubten
Limit fahrend bin ich kurz nach acht zu Hause.
Meine Tour de Suisse ist zu Ende.
Nach 2005 Kilometern.
Drei mehr wären irgendwie noch passend gewesen!